Angekommen in Altdorf – ein Fluchtbericht

In loser Folge berichtet der Unterstützerkreis für Asylsuchende in Altdorf über Geflüchteten-Schicksale. Hier eine ausführliche Zusammenfassung von Tonys Erlebnissen, die aktuell verkürzt auch im Boten zu lesen sind:

Seine Geschichte hört sich an wie das Drehbuch zu einem Film. Einem Film über Flucht, Angst, Verfolgung, aber auch immer wieder Hoffnung und vielleicht irgendwann auch ein Film mit Happy End, Integration und Ankommen in einer sicheren Zukunft.

Die Rede ist von Tonys Geschichte. Tony ist 28 Jahre alt und er lebt seit dem 14.10.2015 in einer Flüchtlingsunterkunft in Altdorf. Geboren wurde er in einem syrischen Dorf in der Nähe von Hasaka, wo er mit seinen Eltern, vier älteren Schwestern, einem jüngeren Bruder und einer jüngeren Schwester aufwächst. Er hat eine Ausbildung als Elektroniker, was ihm 2010, als er zum Militär muss, eine Stelle bei der Instandhaltung bringt. Zunächst ein Vorteil, da er bei Kriegsbeginn im März 2011 nicht gleich an die Front zum Kämpfen geschickt wird, sondern sich um die Fahrzeuge kümmern kann. Im Laufe der Zeit müssen aber immer mehr Soldaten in den Kampf ziehen und Tony muss sich seine, bis dahin einigermaßen sichere, Position immer wieder neu mit viel Geld erkaufen. Irgendwann ist es dann trotzdem so weit, er muss mit in den Krieg ziehen. Tony ist Christ und kann sich nicht vorstellen, auf Menschen, die ihm nichts getan haben, zu schießen oder sie gar zu töten. Also beschließt er zu fliehen. Das war am 10.09.2014. Seine Familie ist zu diesem Zeitpunkt bereits in den Libanon geflohen. Ein Bruder und zwei Schwestern finden dort auch Arbeit.

Er flieht vom Militärstützpunkt im Süden Syriens über Damaskus zurück nach Hasaka. Mit Hilfe seines Onkels gelingt ihm die Flucht zu Fuß in die Türkei. Er ist mit einer Gruppe von 15 Gleichgesinnten unterwegs, teils Familien mit Kindern, teils einzelne junge Männer. An der Grenze zur Türkei wird das erste Mal auf sie geschossen. Es dauert einige Tage, bis sie es tatsächlich schaffen, die Grenze zu überwinden. Doch die türkischen Soldaten jagen sie weiter. Es wird niemand ernsthaft verletzt, doch man will sie ganz offensichtlich durch Schüsse einschüchtern und am Grenzübertritt hindern. Schließlich flüchtet sich die Gruppe in ein nahegelegenes Maisfeld, wo sie acht Stunden ausharrt. In dieser Zeit hören sie immer wieder Schüsse. Erst gegen 20 Uhr abends wird es ruhiger. Ein Mann aus der Gruppe kann seinen Onkel, einen Taxifahrer, anrufen, der sie an einer 5 km entfernten Straße aufnimmt und in den nächsten Ort bringt. Zusammen mit einem Paar kann Tony bei einer türkischen Familie übernachten. Am anderen Tag begleitet man ihn zu einer Bushaltestelle, von wo aus er einen Bus nach Izmir nimmt. Die Busfahrt dauert 23 Stunden. Von Izmir aus geht es noch mal weiter in einen anderen Ort, wo er zufällig seinen Freund Steven, mit dem er aufgewachsen ist, trifft.

Steven hat seine eigene Geschichte. Er wurde mit vier anderen Freunden von Al Qaida festgenommen und zwei Monate lang misshandelt. Einer aus der Gruppe hatte versucht zu fliehen, was ihm leider nicht geglückt ist. Er wurde gefangen genommen und vor den Augen seiner Freunde hingerichtet. Den anderen hatte man ins Bein geschossen. Steven musste zum Islam konvertieren, um zu überleben. Nach drei Jahren kam er in die Türkei – wo er nun Tony trifft. Beide haben das gleiche Ziel: Griechenland. Um dort hinzukommen, zahlt Tony 2.500 Euro an einen Mann, der verspricht, ihn und 14 weitere Flüchtlinge mit einem Schiff nach Griechenland zu fahren. Sie sind nur 45 Minuten auf See unterwegs, um schließlich auf einer sehr kleinen Insel zu landen. Der „Wohltäter“ verschwindet, während er die Gruppe auf einer Insel, wo es nichts gibt, zurücklässt. In der Ferne erkennen sie eine größere Insel mit Straßen und Häusern, Leben. In der Hoffnung gesehen zu werden, machen sie Feuer. Nach einigen Stunden kommt tatsächlich ein Militärschiff, das sie abholt. Fünf weitere Tage bleiben sie in einem Camp, dann haben sie die Möglichkeit, nach Athen zu gelangen.

Tony hat das Glück, eine Tante in Athen zu treffen, die mit einem Griechen verheiratet ist. Zwei Monate lang kann er dort bleiben. Eine kleine Verschnaufpause, aber gleichzeitig auch die Erkenntnis, dass es dort keine Arbeit für ihn geben wird. Zusammen mit Freunden beschließt er, nach Schweden zu gehen. Warum ausgerechnet Schweden? Er hat dort wiederum Verwandte und hofft, bei einem Freund wohnen zu können. In Deutschland kennt er niemand, außerdem hat er gehört, dass Deutschland ausländerfeindlich sein soll. Dann doch besser Schweden. Nach vier Monaten in Griechenland lernt er jemanden kennen, der ihm anbietet, für 6.500 Euro Papiere zu besorgen und ihn nach Schweden zu bringen. Tony besitzt zu diesem Zeitpunkt nur seinen Militärausweis. Seinen regulären Ausweis musste er beim syrischen Militär zurücklassen.

Die Idee ist, zunächst nach Italien mit dem Schiff zu reisen. Sie sollen alle aussehen wie Touristen, d.h. einen kleinen Koffer packen, sich warm anziehen und mit gefälschten Papieren (in Tonys Fall einem rumänischen Reisepass) in Italien einreisen. Ihre Handys dürfen sie nicht mitnehmen. Es ist eine kleine Gruppe von insgesamt 14 Flüchtlingen, die sich dem nächsten Schlepper anvertraut. Zunächst geht es acht Stunden mit dem Auto von Athen irgendwohin. Der Fahrer ist Albaner. Am 13. Februar 2015 erreichen sie einen Hafen. Das Schiff entpuppt sich als kleines Motorboot, auf dem sie zwölf Stunden lang bei stürmischer See und Eiseskälte (es ist Winter!) unterwegs sind. Es ist so eng, dass sie sich nicht bewegen können, ständig muss sich ein anderer übergeben, die Kälte steckt in allen Gliedern. Als endlich Italien in Sicht ist, werden sie eine halbe Stunde vor Ankunft im Hafen von der italienischen Polizei entdeckt und gejagt – mit Motorboot und Hubschrauber. Schließlich findet das Boot doch noch seinen Weg an den Strand. Die kleine Gruppe läuft ins nächste Dorf, die Polizei ist zunächst nur an dem Fahrer interessiert, den sie auch erfolgreich festnimmt. Die völlig durchgefrorene Gruppe kann sich schließlich an der warmen Motorhaube eines Polizeiautos wärmen, bevor sie in eine Halle gebracht wird, in der es zumindest Duschen und Essen gibt.

In Italien angekommen, will die Polizei ihre Fingerabdrücke nehmen und die Flüchtlinge registrieren. Diese haben aber gehört, dass sie an dem Ort, an dem sie registriert sind, bleiben und Asyl beantragen müssen. Ihr Ziel ist jedoch Schweden. Daher versuchen sie, mit der Polizei zu verhandeln. Diese besteht auf die Fingerabdrücke, verspricht aber, sie danach weiterziehen zu lassen. Immerhin bekommt die Stadt für jeden registrierten Flüchtling Geld!

Nach der Registrierung lässt man sie tatsächlich gehen. Von Otranto, im Süden Italiens, nach Lecce, dann weiter nach Mailand. Dort wartet ein Mann, der sie weiter nach Schweden bringen soll. Das Flugticket nach Stockholm kostet nur 60 Euro und am 17. Februar 2015 ist es so weit. Tony fliegt mit seinem „neuen“ rumänischen Ausweis nach Stockholm. Niemand kontrolliert den Ausweis genauer, niemand fragt nach. Es liegt die Vermutung nahe, dass man um jeden Flüchtling froh ist, der freiwillig das Land verlässt. Besser keine Fragen stellen.

Zunächst kann Tony zwei Tage bei Verwandten eines Freundes in Norrköping bleiben, dann geht die Reise weiter zu eigenen Verwandten nach Jönköping, wo er schließlich seinen Asylantrag stellt.

Zwei seiner Schwestern haben übrigens Amerikaner geheiratet und leben nun zusammen mit den Eltern in den USA. Die anderen Geschwister sind noch im Libanon, gehen aber später nach Kanada.

Zurück zu Tony. Er glaubt, am Ende seiner Reise zu sein – jedoch holt ihn seine Vergangenheit ein. Zwei Monate nach dem Stellen des Asylantrags bekommt er die Nachricht, dass er zurück nach Italien muss, da er dort erstmals registriert wurde! Er muss sofort die Rückreise in den Süden antreten, zunächst bis Malmö. Nach einem Monat Aufenthalt in Malmö, mit dem Auto weiter nach Kopenhagen. Von dort mit dem Flugzeug nach Frankfurt, wo er von zwei freundlichen deutschen Polizisten in Empfang genommen wird, die ihn zu seinem Flieger nach Mailand begleiten. Er wird gut behandelt und hat das erste Mal das Gefühl, Deutschland könnte das Land sein, in dem er bleiben möchte. Aber zunächst einmal muss er wieder nach Italien.

In Mailand angekommen geht es weiter nach Bari und mit Bus und Zug nach Lecce, wo er registriert wurde. Nur wohin jetzt? Keine Flüchtlingsunterkunft, kein Essen, kein Platz zum Schlafen. Schließlich fragt Tony zwei Streifenpolizisten, was er tun soll. Sie schicken ihn zum Bahnhof – da wären die anderen auch. Am Bahnhof waren jede Menge Roma. Mehrmals diese Nacht wird Tony von einer Bank, auf der er schlafen will, verscheucht, weil ein anderer diesen Schlafplatz sein eigen nennt. Nach zwei Tagen lernt er einen Somalier kennen, der ihm den Tipp gibt, sich einmal am Tag ein Brötchen in der Kirche abzuholen – immerhin! Nach zwei Wochen (Über-)leben auf der Straße findet er die Caritas. Dort trifft Tony einen Mann aus Palästina, der ihn für zweieinhalb Monate bei sich aufnimmt. Nach drei Monaten Italien und keiner Aussicht auf Besserung seiner Lage beschließt er, nach Deutschland zurückzugehen. Irgendwie schafft er es mit dem Zug nach Mailand, mit dem Auto nach Nizza und schließlich wieder mit dem Zug nach Mainz, wo ein Cousin von ihm wohnt, dem ebenfalls die Flucht nach Deutschland geglückt ist. Tony kommt in die Aufnahmestelle nach Trier, von wo aus er 15 Tage später nach Zirndorf geschickt wird.

Dort kommt er zu einer Zeit an, in der täglich Tausende Flüchtlinge nach Deutschland kommen und die Aufnahmestellen weit überlastet sind. Vier Tage lang bleibt er in Zirndorf. Aufstehen um sieben Uhr, danach müssen alle raus, können sich eine Tüte mit Essen abholen und müssen bis abends im Freien bleiben. Abends zum Schlafen können sie wieder in die Unterkunft. In den folgenden Tagen zieht Tony in Nürnberg und Umgebung sechs Mal um, bis er zuletzt am 14. Oktober 2015 zu uns nach Altdorf geschickt wird und dort in eine Unterkunft ziehen kann.

Einen Monat später hat er seinen ersten Anhörungstermin – damals noch mit Übersetzer. Bei seinem dritten Anhörungstermin spricht er schon gut Deutsch und kann viele Dinge, die vorher falsch übersetzt wurden, klarstellen. Er erzählt seine Geschichte, warum er keinen Ausweis hat und warum er nie mehr nach Syrien zurückgehen kann. Er würde gleich zweimal verfolgt werden, zum einen als Christ, zum anderen als Deserteur. Außerdem erzählt er von seinem Leben auf der Straße in Italien und hofft, dass man ihn nicht wieder dorthin zurückschicken wird. Eineinhalb Jahre später, am 17. Februar 2017, wird sein Asylantrag endlich anerkannt.

Was hat er in der Zwischenzeit getan, in der Zeit, in der er nicht arbeiten durfte? Er hat vor allem Deutsch gelernt, teilweise bis zu 10 Stunden am Tag. Dazu kommt drei Mal die Woche jemand aus dem Helferkreis in die Unterkunft und gibt Deutschunterricht. Außerdem hat er regelmäßig einen Hund ausgeführt, dessen Besitzerin ihm dann über Bekannte zu einem Praktikum verholfen hat. Sein Chef war so zufrieden mit ihm, dass er Tony nach zwei Monaten Praktikum eine Festanstellung anbot. Tony entschließt sich, in diesem Betrieb ab September eine Ausbildung zum Gebäude- und Anlagentechniker zu machen. Bis zum Ausbildungsbeginn überbrückt er die Zeit mit einer Einstiegsqualifizierung an der Berufsschule. Außerdem wird er ab Mai jeden Abend von 17-21 Uhr weitere Deutschkurse besuchen, um möglichst schnell das Deutschzertifikat B2 zu erhalten. Was ihm jetzt noch fehlt, ist eine kleine Wohnung, idealerweise in Nürnberg, wo er auch zur Arbeit und in die Berufsschule geht.

Wie geht es Tony heute und wie sieht seine Zukunft aus? Zunächst ist er dankbar für all die Hilfe, die ihm in Deutschland entgegengebracht wurde. In einigen Jahren möchte er noch seinen Meister machen und er wäre sehr glücklich, irgendwann seine Familie, insbesondere seine Eltern, wiederzusehen. Wir wünschen ihm alles Gute und hoffen, dass das Drehbuch für ihn tatsächlich ein Happy End haben wird.

 

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